taz App (mit BIRD UX): Mit UX-Testing Probleme erkennen, bevor sie teuer werden
Das Ergebnis: Die Tests machten kritische Probleme sichtbar, bevor die technische Umsetzung begann. Das sparte der taz Zeit und Kosten und steigerte die Produktzufriedenheit. Weitere Tests im Livesystem ermöglichten die kontinuierliche Verbesserung der Nutzerfreundlichkeit.
Du entwickelst ein digitales Produkt und fragst dich, ob Menschen damit wirklich zurechtkommen?
Interne Einschätzungen und gute Absichten reichen dafür nicht immer aus. Nutzer*innen verstehen Funktionen nicht selten anders als erwartet, übersehen wichtige Elemente oder finden sich in der Navigation nicht zurecht. Werden solche Probleme erst nach dem Launch sichtbar, lassen sie sich meist nur mit größerem Aufwand beheben.
Bei der Weiterentwicklung der taz App haben wir deshalb schon den Prototyp getestet. Die Kombination aus Experten-Review und Usability-Tests machte problematische Schwachstellen sichtbar, bevor die technische Umsetzung begann.
Leistungen: Experten-Review ✶ Usability Testing ✶ UX-Beratung
Eine App für unterschiedliche Leser*innen
Im Zuge der Weiterentwicklung der taz App sollte geprüft werden, ob die geplanten Funktionen verständlich sind, die Navigation funktioniert und Leser*innen die gesuchten Inhalte finden. Eine besondere Herausforderung war die geplante Umstellung der gedruckten Werktagsausgabe auf ein rein digitales Angebot. Das Ziel: ein möglichst unkompliziertes digitales Leseerlebnis. Leser*innen sollten Inhalte leicht finden, Funktionen verstehen und sich sicher durch die App bewegen können.
Doch ob eine Navigation tatsächlich verständlich ist oder eine Funktion so funktioniert wie gedacht, lässt sich nicht allein an einem Entwurf erkennen. Dafür braucht es die Perspektive der Menschen, die das Produkt später nutzen.
Die taz wollte deshalb frühzeitig herausfinden, wo problematische Stellen sind – und die Erkenntnisse direkt in den Designprozess einfließen lassen.
Was ich gemacht habe: UX Research und Evaluation
Ich übernahm zunächst die heuristische Evaluation der App-Entwürfe und die Planung und Durchführung der ersten Usability-Tests mit einem interaktiven Prototypen. Im weiteren Projektverlauf führten meine Kollegin Jennifer Moss und ich Remote-Usability-Tests mit potenziellen Nutzer*innen durch.
Wie wir vorgingen
1. Experten-Review: Erste Schwachstellen aufdecken
Bevor wir mit Nutzer*innen testeten, prüfte ich die App-Entwürfe anhand etablierter Usability-Kriterien und der Ziele der taz. Dazu gehörten die Prinzipien der Dialoggestaltung nach DIN EN ISO 9241-110 und die zehn Usability-Heuristiken von Jakob Nielsen.
Im Fokus standen unter anderem:
- Ist die Navigation verständlich?
- Finden Nutzer*innen wichtige Inhalte und Funktionen?
- Gibt die App nach einer Aktion eine klare Rückmeldung?
- Entspricht die Bedienung den Erwartungen?
Die Evaluation machte erste Schwachstellen sichtbar. Daraus entstanden konkrete Verbesserungsvorschläge und Fragen, die wir anschließend in den Nutzertests überprüfen konnten.
2. Prototyp-Tests: Beobachten, was wirklich passiert
2019 wurde der iOS-Prototyp auf der taz-Genossenschaftsversammlung getestet. Fünf Leser*innen – darunter Menschen mit digitalen und mit gedruckten Lesegewohnheiten – probierten den App-Prototypen aus.
Sie bearbeiteten dabei typische und relevante Aufgaben, die wir vorher geplant hatten und beschrieben dabei laut ihre Gedanken (Think-Aloud-Methode). So konnten wir beobachten, wo sie zögerten, Funktionen nicht verstanden oder Schwierigkeiten mit der Navigation hatten. Die Tests bestätigten Probleme aus der Expertenevaluation. Besonders deutlich wurden Schwächen bei der Benutzerführung und beim System-Feedback.

Das Pop-up- Usability test Lab auf der taz Genossenschaftsversammlung 2019
3. Remote-Tests: Auch Menschen ohne Produktkenntnis einbeziehen
Da auf der Genossenschaftsversammlung fast ausschließlich Menschen waren, die die taz kannten, machten wir deutlich, dass es für optimale Erkenntnisse die Menschen braucht, die die taz nicht so gut kannten und mit den internen Begrifflichkeiten nicht vertraut waren.
So führten wir (bedingt durch die Pandemie) im Sommer 2020 weitere Remote-Tests mit potenziellen Nutzer*innen durch.
Dabei zeigte sich genau das Problem, das in den ersten Tests kaum aufgefallen war, auf das wir aber hingewiesen hatten: Manche Begriffe und Funktionen waren zwar für langjährige taz-Leser*innen völlig klar, für Menschen ohne diese Vorkenntnisse aber nicht.
Das ist eine sehr typische Herausforderung bei der Produktentwicklung: Wer täglich mit dem eigenen Angebot arbeitet, übersieht sehr leicht, was für neue Nutzer*innen unklar bleibt.
Was sich daraus für die App ableiten ließ
Die Erkenntnisse flossen in konkrete Empfehlungen für die Weiterentwicklung ein:
- Navigation vereinfachen: Damit Leser*innen Inhalte und Funktionen leichter finden.
- System-Feedback verbessern: Damit klarer wird, was nach einer Aktion passiert.
- Begriffe und Funktionen verständlicher machen: Damit auch neue Nutzer*innen die App ohne große Fragezeichen bedienen können.
Wir dokumentierten die Ergebnisse in einem Top-Line-Report und stellten sie in einem Workshop vor. So konnten kritische Probleme noch vor der technischen Umsetzung bearbeitet werden.
Empfehlung: Unter realistischen Alltagsbedingungen und mit verschiedenen Nutzergruppen testen
Darüber hinaus empfahlen wir, die App unter realistischen Alltagsbedingungen zu testen – etwa bei grellem Licht oder unterwegs in Bus und Bahn. Auch ältere Menschen und Personen mit Sehbeeinträchtigungen oder motorischen Einschränkungen sollten in künftige Tests einbezogen werden.
Research, das im Unternehmen weiterwirkt - mit User Exposure Hours
Usability-Tests sollten keine einmalige Maßnahme bleiben. Deshalb schulte ich Mitarbeiterinnen der taz darin, einfache Tests selbst zu planen und durchzuführen. Außerdem sensibilisierte ich sie für sogenannte „User Exposure Hours“, also regelmäßige Gespräche und Tests mit Nutzer*innen, an denen möglichst das gesamte Produktteam beteiligt ist.
Das senkt die Einstiegshürde für User Research und befähigte das Team, UX im Unternehmen nachhaltig zu denken. Dass UX dadurch stärker im Unternehmen Thema wurde, zeigte sich auch in der internen Kommunikation: Mitarbeiter*innen sprachen zunehmend über Nutzerfreundlichkeit und Usability. Das war ein wichtiger Schritt, um die Perspektive der Nutzer*innen stärker in der Produktentwicklung zu verankern.
Was du daraus für dein Projekt mitnehmen kannst
Du musst (ich würde sagen: solltest) nicht warten, bis dein Produkt fertig entwickelt ist, um herauszufinden, ob es funktioniert.
Eine Expertenevaluation hilft, erste Usability-Probleme systematisch aufzudecken und grobe Schwachstellen zu erkennen. Sie liefert außerdem Hypothesen und konkrete Fragen für anschließende Usability-Tests, die dann zeigen, wie Menschen tatsächlich mit deinem Produkt umgehen – und wo deine Annahmen nicht stimmen.
Fazit: Je früher du testest, desto mehr Spielraum hast du, Probleme rechtzeitig zu beheben. Du triffst Entscheidungen auf einer besseren, fundierteren Grundlage, vermeidest unnötige Entwicklungsschleifen, sparst somit Zeit und Kosten und gestaltest ein Produkt, das sich an den Bedürfnissen seiner Nutzer*innen orientiert und das sie dann auch eher gerne benutzen.
taz Hausblog 10.05.2021 – taz App gewinnt Bronze-Nagel beim ADC : https://blogs.taz.de/hausblog/taz-app-gewinnt-bronze-nagel-bei-design-award/
Titelbild von Lena Kaiser, taz
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