Was ist es?
Der Present Bias beschreibt die Tendenz, Dinge, die jetzt passieren, stärker zu gewichten als Vorteile oder mögliche Kosten, die erst später sichtbar werden. Ein kleiner Vorteil heute kann dadurch attraktiver wirken als ein größerer Vorteil in der Zukunft. Und mögliche Nachteile fühlen sich weniger dringend an, solange sie noch nicht eingetreten sind.
Das dahinterliegende Muster wird häufig mit Hyperbolic Discounting erklärt: Zukünftige Vorteile und Kosten wirken für uns weniger wichtig, je weiter sie in der Zukunft liegen.
Warum passiert das?
Was sofort passiert, ist konkret und greifbar. Ein möglicher Vorteil oder Nachteil in ein paar Wochen oder Monaten wirkt dagegen abstrakter. Selbst wenn wir wissen, dass er relevant sein könnte.
Deshalb kann eine schnelle Lösung im Moment attraktiver wirken als eine Entscheidung, die langfristig mehr Nutzen bringt, gerade unter Stress und Zeitdruck.
Zum Beispiel erzeugt ein schneller Launch sofort sichtbaren Fortschritt. Die möglichen Kosten einer ungetesteten Entscheidung tauchen dagegen oft erst später auf – zum Beispiel in Form von Supportaufwand, Abbrüchen oder zusätzlichen Workarounds.
Warum ist das für die Produktentwicklung relevant?
True Story: Ein Team entscheidet sich für einen schnellen Launch, obwohl wichtige UX-Fragen noch offen sind. Das Feature ist live, die Roadmap wurde eingehalten und im nächsten Meeting kann konkreter Fortschritt gezeigt werden.
Die möglichen Folgen werden erst später sichtbar: Nutzer*innen brechen häufiger ab, der Support bekommt mehr Anfragen oder ein Problem muss aufwendig nachgebessert werden. Zum Zeitpunkt der Entscheidung waren diese Kosten jedoch noch nicht sichtbar. Der unmittelbare Nutzen war es – und deshalb wirkte der schnelle Launch attraktiver.
Wenn das häufiger passiert, kann UX Debt entstehen: eine wachsende Ansammlung von UX-Problemen, Workarounds, offenen Fragen und nicht adressierten Issues. Je länger diese liegen bleiben, desto schwieriger, aufwendiger und kostspieliger kann es werden, sie wieder abzubauen.
Was hilft dagegen?
Halte Annahmen und offene Fragen fest. So verschwinden sie nicht einfach aus dem Blickfeld, sobald die nächste Aufgabe auf der Roadmap wartet.
Mach abstrakte Risiken konkreter. Zum Beispiel indem du dir die folgenden Fragen stellst:
- Wie viele Nutzer*innen könnten betroffen sein?
- In welcher Phase der Nutzung könnte das Problem auftreten?
- Wie häufig könnte es auftreten?
- Welche Folgen wären denkbar?
Mach zukünftige Folgen und Kosten im frühen Entwicklungsprozess sichtbar. Stell dir die Frage, was später auf euch zukommen kann, wenn die offenen Fragen nicht geklärt werden bzw. UX-Probleme nicht adressiert werden. Ein Blick von außen kann dabei helfen, besonders wenn bestimmte UX-Probleme oder Workarounds im Team längst zur Normalität geworden sind.
Plan einen späteren Prüfpunkt ein. Wenn ihr eine Entscheidung trotz offener Fragen trefft, legt fest, wann ihr sie nochmal überprüft.
Leg vorab fest, in welchen Fällen ihr trotz offener Fragen launcht. Nicht jede offene UX-Frage muss einen Launch verhindern. Haltet aber ganz konkret fest, welche Risiken ihr bewusst akzeptiert, und worauf ihr nach dem Launch achten wollt und wann klar ist, dass ihr nachbessern müsst.
Um die Risiken und Kosten sichtbar zu machen, kannst du mein UX-Debt-Sensibilisierungstool (ein Excel-Tool) ausprobieren. Es hilft dabei, mögliche Auswirkungen von UX-Defiziten und ungetesteten Entscheidungen sichtbar zu machen und ihnen einen finanziellen Orientierungswert zu geben. Aber bitte beachten: Der Wert ist keine BWL-Prognose und kein realer Euro-Schaden, sondern soll einen Anker für eine Diskussion im Team geben, was langfristig auf das Team zukommen könnte, wenn bestimmte Dinge nicht adressiert werden. Es soll Teams dabei unterstützen, mögliche UX-Risiken überhaupt zum Thema zu machen. Einige Werte lassen sich an eure Situation anpassen.
Verwandte Begriffe
Hyperbolic Discounting, UX Debt, Sunk Cost Fallacy
